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Rede des VSETH-Präsidenten am ETH-Tag 2004

Liebe Gäste,

Wertvorstellungen prägen unser Leben, und jeder hat seinen eigenen Blickwinkel. Studenten,Wirtschaft, Forscher, Politik, wir alle haben unterschiedliche Ansprüche an die ETH. Dieses Dilemma habe ich in einem kleinen Theaterstück untergebracht, und es folgt nun ein Drama in drei Akten. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind rein zufällig, aber beabsichtigt.

 

Über den Wert von Forschung und Bildung

Unser Stück spielt in einem abgelegenen kleinen Dorf mit grünen Wiesen, fruchtbarem Boden und tüchtigen Dorfbewohnern.

Die Hauptdarsteller:

Der Forscher

Der Forscher ist ein kleiner Mann mit Brille und bewegt sich vornehm in gebückter Haltung fort. Er arbeitet Tag und Nacht an der Vervollkommnung seiner Schöpfung, der Dampfmaschine.

Der Ökonom

Der Ökonom ist ein gross gewachsener Mann. Er trägt stets einen Anzug und gebärt sich fein. Sein Augenmerk gilt vor allem dem Profit. Er ist der grösste Arbeitgeber des Dorfes und möchte mit der Dampfmaschine, wenn sie den irgendwann mal fertig wird, viel viel Geld verdienen. Er besitzt auch das einzige Wirtshaus im Dorf.

Der Student

Der Student läuft meist in abgetragenen Kleidern herum. Er versucht die Wirkungsweise der Dampfmaschine zu begreifen. Teile davon hat er sogar schon selbst gebaut. Allerdings verbringt er auch viel Zeit im Wirthaus des Ökonomen. Und er hat die schlechte Gewohnheit, ab und an nicht zu seinem Unterricht zu erscheinen, weil er die Nacht zuvor zu lang gefeiert hat. Der Forscher hat dafür nicht so viel Verständnis.

Der Bürgermeister

Der Bürgermeister ist bei allen Dorfbewohnern beliebt und möchte nur das Beste für das kleine Dorf. Er versteht nicht so recht, was der Forscher macht und hat Zweifel am Nutzen der Dampfmaschine. Aber da der Ökonom sich derart darüber ereifert, unterstützt er den Forscher. Der Bürgermeister versucht, es immer allen recht zu machen.

Erster Akt: Das Wirtshaus

Es ist zwei Uhr Nachmittags an einem schönen Sommertag. Der Student ist gerade aufgestanden und begibt sich mit blinzelnden Augen ins Wirtshaus des Ökonomen.

Der Student: Ein grosses Bier mit wenig Schaum und einer Zitrone bitte.

Der Ökonom: Gerne mein junger Freund, aber sag, wieso bist du nicht im Labor des Forschers und arbeitest an deinem Ventil für die Dampfmaschine?

Der Student: Ich hab heute verschlafen, weil ich gestern so lange gefeiert habe.

Der Ökonom: Aha, so geht das.

Der Student: Der Forscher hätte heute wohl eh keine Zeit. Ausserdem gibt noch ein
grosses Fest beim Bauern Johannes, da will ich gleich noch hin.

Der Ökonom: Und wann machst du dein Ventil fertig?

Der Student: Vielleicht gehe ich morgen früh wieder ins Labor.

Der Student trinkt aus, verlässt das Wirtshaus und der Bürgermeister betritt den Raum.

Der Ökonom: Diese Jugend, kennt keinen Fleiss und keinen Anstand. Wieso bezahl ich mit meinen Steuern diesen Lausbuben?

Der Bürgermeister: Ach Ökonom, sei nicht so hart zur Jugend - du warst doch auch mal jung.

Der Ökonom: Und dieser Forscher - was treibt der eigentlich den ganzen lieben langen Tag in diesem Labor? Meine Dampfmaschine scheint mir jedenfalls auch nicht fertig zu werden. Ich möchte, dass du kontrollierst, was für Fortschritte er macht.

Der Bürgermeister: Geduld mein Freund, es gilt doch noch einige Hürden zu nehmen. Aber vielleicht hast du Recht, ich werde mal versuchen herauszufinden, wo sie stehen.

Sie unterhalten sich noch eine Weile dazu, und der Bürgermeister lässt sich überzeugen, dass es langsam Zeit ist, dass die Dampfmaschine fertig wird.

Ende erster Akt.

Zweiter Akt: Das Labor

Der Bürgermeister betritt das Labor - überall schnaufen, keuchen und dampfen Maschinen; es wirkt so, als würde die Versessenheit des Forschers sie antreiben.

Der Bürgermeister: Forscher, komm heraus - wo bist Du in diesem Dschungel aus Stahl und Dampf?

Der Forscher: Ach Bürgermeister, welch eine Freude Sie zu sehen! Wie kann ich Ihnen zu Diensten sein?

Der Bürgermeister: Ich wollte mich nach deinen Fortschritten in Bezug auf die Dampfmaschine erkundigen - ist sie nun endlich fertig?

Der Forscher: Aber Bürgermeister, Sie wissen doch, dass es viel Zeit braucht, diese wunderbare Erfindung zu erforschen und zu entwickeln.

Der Bürgermeister: Was funktioniert denn noch nicht?

Der Forscher: Sie braucht einfach zu viel Kohle, und sie leistet zu wenig!

Der Bürgermeister: Der Ökonom findet, die Dampfmaschine sollte langsam mal fertig sein. Und seit die Investitionen aus dem reichen Nachbardorf wegen dem Zunftbeschwerderecht ausbleiben ist unsere Dorfkasse leer. Wir brauchen jetzt Resultate.

Der Forscher: Ach wenn es doch so einfach wäre!

Der Bürgermeister: Und übrigens, deinen Studenten bildest du auch nicht richtig aus. Er vergnügt sich die ganze Zeit im Wirtshaus oder beim Bauern Johannes.

Der Forscher: Ach dieser Bengel - aber ich kann nichts machen. Er steht auf seinen eigenen Beinen und muss es selber wissen. Und ich hab ja auch nicht die Zeit ihn ständig zu beschäftigen.

Der Bürgermeister: Herrgott, jetzt such keine Ausflüchte!

Sie streiten jetzt noch eine Weile. Der Bürgermeister droht dem Forscher, seine Mittel zu kürzen, sollte er nicht demnächst fertig werden. Weiter will der Bürgermeister sich überlegen, ob der Student fortan nicht selbst für seine Ausbildung aufkommen soll.

Ende zweiter Akt.

Dritter Akt: Das Rathaus

Eine Woche später sitzen alle in den Ruinen des Rathauses. Die Dampfmaschine - der Stolz des Dorfes - ist nach einem Testlauf explodiert und hat das ganze Dorf verwüstet. Glücklicherweise waren die meisten Dorfbewohner beim Bauern Johannes am Feiern. Somit wurde wie durch ein Wunder niemand verletzt.

Unsere vier tragischen Hauptfiguren sitzen mit gekrümmten Rücken über den angesengten Plänen der Dampfmaschine und diskutieren, wessen Schuld dies nun sei.

Der Forscher: Das ist alles eure Schuld Bürgermeister. Ich habe doch gesagt, die Maschine ist noch nicht fertig.

Der Bürgermeister: Ökonom, was habt Ihr nur angerichtet! Wieso habt Ihr die Maschine unter Volllast laufen lassen?

Der Ökonom: Die Maschine wäre nicht explodiert, hätten die Ventile des Studenten mehr ausgehalten!

Der Student: Forscher, Du hast zu viel geforscht und Dir zu wenig Zeit genommen, mir zu erklären, wie man gute Ventile baut.

Und so ging es noch eine ganze Weile weiter.

Der Student ging - nachdem sein Lehrmeister ihn nicht mehr behinderte - ein Erasmus-Jahr in Schweden machen und suchte sich danach einen neuen Forscher, wo er seine Ausbildung beenden konnte. Der Ökonom wanderte mit den Plänen nach China aus, wo er mit unterbezahlten aber sehr schlauen Forschern von dort, die Dampfmaschine fertig baute und so den europäischen Markt mit billigen aber ineffizienten Dampfmaschinen überschwemmte. Der Forscher wandte sich nach Amerika. Dort bekam er gleich eine Professur angeboten und forschte dort weiter an seiner perfekten Dampfmaschine. Fünf Jahre später hat er sein Ziel erreicht. Seine Maschine wird in den nächsten zwanzig Jahren den Weltmarkt dominieren. Nur der Bürgermeister blieb allein im zerstörten Dorf zurück und weinte leise vor sich hin.

Hier endet der dritte Akt, und hier endet auch unser Drama.

 

Damit uns nicht das gleiche tragische Schicksal widerfährt, damit unsere Wirtschaft genug Dampf hat, damit wir zusammen im Wirtshaus auf unsere Erfolge anstossen können, damit wir gemeinsam bei Johannes feiern können, ist es unerlässlich

Nur durch die gemeinsame Anstrengung und die Auseinandersetzung mit den verschiedenen Blickwinkeln und Wertvorstellungen können wir weiter für das Wohl der Bewohner des „Dorfes Schweiz“ sorgen und seine Zugmaschine am laufen halten. Wir Studenten stehen zu diesem Weg und freuen uns, weiter die Zukunft der ETH mitzugestalten.

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© 2005 ETH Zürich | 3.10.2005 | !!! Dieses Dokument stammt aus dem ETH Web-Archiv und wird nicht mehr gepflegt !!!