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Bildungsgänge

 
   
           
 

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Herkunft und Fächerwahl

Ein Abgleich zwischen regionaler Herkunft und Fächerwahl rückt Berufstraditionen in den Mittelpunkt, die noch Ende der 1960er-Jahre am Eidgenössischen Polytechnikum zu finden waren.

"Die Anteile der verschiedenen Kantone verteilte sich übrigens nicht gleichmässig auf alle untersuchten Studienrichtungen der ETH. Die Bergkantone Graubünden und Tessin stellen mit je über einem Viertel an Befragten am meisten Studenten der Abt. Bau., was angesichts der grossen Bauvorhaben dieser Kantone nicht erstaunt, anderseits ist in diesen beiden Kantonen der Anteil an Studenten der Abt. Masch. verschwindend gering. Die Studenten der Abt. Masch. rekrutieren sich nämlich vornehmlich aus den stark industrialisierten Mittellandkantonen. Der Kanton Tessin liefert ferner auch unter allen Kantonen den grössten Anteil an Arch.-Studenten und - zusammen mit den westschweizerischen Kantonen - den grössten Anteil an Landw.-Studenten."

(Biäsch 1966, 99)

Der Arbeitskräfte-Bedarf der verschiedenen Regionen spiegelte sich offenbar zu einem gewissen Grad in der Anzahl der Kantonsangehörigen an den einzelnen Studienrichtungen wider. Damit schien die Strategie des Nischenprodukts ETH auch nach über hundert Jahren aufzugehen: Noch immer wurde das Angebot des Bundes, die in der Schweiz benötigten technischen Funktionseliten in Zürich auszubilden, angenommen. Die Tendenz der regional bedingten Fächerwahl fiel mit einer anderen zusammen. Väterliche Höfe bzw. Unternehmen prägten die Studienwahl stärker als eine "abstrakte väterliche Tätigkeit". So liessen sich jedenfalls die Antworten der ETH-Studierenden interpretieren: In der Umfrage der ETH-Arbeitspsychologen 1966 sahen 52 Prozent der Landwirtschaftsstudenten eine Ähnlichkeit zwischen väterlichem und zukünftigem eigenen Beruf.

Auch ein Drittel der Bauingenieure und ein Viertel der Architekten votierten so. Die Kontinuität in der Berufswahl konnte dabei mit dem Erhalt des sozialen Status oder mit Bildungsaufstieg einhergehen, das heisst mit einer Akademisierung innerhalb des Familienbetriebs. Auf die verschiedenen Abteilungen bezogen lag der Prozentsatz von Akademikervätern bei 40 Prozent für die Architekten und 30-35 Prozent für die Bau-, Maschinenbau- und Elektroingenieure sowie die Landwirte.

Korrelationen zu den Berufsdaten der Väter lassen sich auf dieser Grundlage nicht aufstellen. Die Zahlen verdeutlichen aber die allgemeinen Rekrutierungsmuster für schweizerische Universitäten in den 1960er-Jahren. 1966 besass nur etwa ein Prozent der Gesamtbevölkerung einen Hochschulabschluss (Biäsch 1966, 106). Studierende mit diesem familiären Hintergrund waren an der ETH also stark überrepräsentiert und die akademische Selbstrekrutierung das vorherrschende Prinzip.

Noch ein anderer Aspekt ist hinsichtlich regionaler Berufstraditionen bedenkenswert. Zwischen Matur und Studienbeginn lag bei einem Drittel und mehr der Studienanwärter für Architektur, Maschinenbau- und Elektroingenieurwissenschaften sowie für Landwirtschaft ein Praktikum. Schon aus finanziellen Gründen wurde dies vermutlich meist in der Nähe des Wohnorts absolviert und stärkte so die Orientierung der Berufspläne an den regionalen wirtschaftlichen Schwerpunkten.

Neben ökonomisch-pragmatischen Gründen konnten auch affektive Bindungen an Landschaft und Lebensart den Anschluss an Traditionen begünstigen. Pathetisch klang die Ausformulierung dieses Umstands 1923 bei dem aus einer Bauernfamilie stammenden Rudolf Koblet, ab 1951 Professor für Pflanzenbau an der Abteilung für Landwirtschaft der ETH. Koblet hatte mit dem Besuch der Industrieschule Winterthur einen typischen Weg zum polytechnischen Hochschulstudium eingeschlagen. Im letzten Deutschaufsatz nach seinen Zukunftsplänen gefragt, liess er die Erfahrungen Revue passieren, die er während seiner gerade zu Ende gehenden Mittelschulzeit gemacht hatte.

"Wenn ich jeweils im Frühling oder Sommer vom Unterricht heimwärts schritt, wenn ich sah, wie die Bauersleute die Früchte ihrer Arbeit einheimsten, oder wie sie die Scholle für eine neue Ernte bereiteten, dann kam ich mir mit meiner Mappe unter dem Arm wie ein Abtrünniger vor. ... Es gewährte mir Befriedigung, wenn ich in der freien Zeit auf dem heimatlichen Gute arbeiten, mich wieder ein bisschen als Bauer fühlen konnte. Sollte ich wirklich zurück von dem begonnenen Wege? Konnte ich es? Da kam mir lebhaft zu Sinn, was mir vorher schon hie und da vorgeschwebt, und wozu ich mich jetzt wirklich entschlossen habe, nämlich am Polytechnikum Landwirtschaft zu studieren, dann vielleicht auf diesem oder jenem Gute des In- oder Auslands mir noch mehr Erfahrung anzueignen und später, sobald Gelegenheit sich bietet, mich als Landwirtschaftslehrer zu betätigen."

(Koblet 1984, 18)

Die Passage illustriert die Entscheidungsnöte, die mit einem Bildungsaufstieg einhergehen konnten und welche die Studierenden über berufliche Nähe zum familiären Umfeld aufzufangen versuchten. Zugleich überhöhte der 19-jährige Schulabgänger seine politische und emotionale Heimatverbundenheit anhand des Bildes vom Bauern und der Scholle schwärmerisch. Koblet schöpfte dafür aus seinem bisher angelesenen Bildungsrepertoire und griff zu elitistischen und konservativ-völkischen Bildern und Formulierungen. Der Wille zum sozialen Aufstieg über ein ETH-Studium zeigt sich hier deutlich.

Andrea Westermann

   
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